Die Paypal-Story

Paypal ist zwar kein Monopolist, hat aber eine herausragende Marktposition: Statista meldet für den Umsatz der Top-1.000 Online-Shops in Deutschland 2019 einen Marktanteil von 20,2 Prozent. Nur die Zahlung auf Rechnung wird noch häufiger genutzt. In Deutschland sind es knapp 30 Millionen Nutzer, weltweit 377 Millionen. Coronabedingt stieg der Umsatz 2020 so stark wie noch nie.

Dabei ist vielen nicht bekannt, dass Paypal dieser Erfolg nicht „in den Schoss gefallen“ ist, sondern dass sich der Zahlungsservice, hinter dem ursprünglich das 1998 von Peter Thiel, Max Levchin und Luke Nosek gegründete Unternehmen Confinity stand, gerade in seiner Anfangszeit zahlreicher Wettbewerber erwehren musste. Da waren dotBank, X.com, ebays Billpoint (unter zeitweiliger Beteiligung von Wells Fargo), PayMe, C2it und andere mehr.

Eine Besonderheit verglichen mit vielen anderen Silicon Valley-Stories ist, dass es in einer sehr frühen Phase (Anfang 2000) zu einem Zusammenschluss mehr oder weniger auf Augenhöhe mit dem damals schärfsten Konkurrenten X.com kam (statt etwa eines Aufkaufs eines schwächeren Players). Vielleicht weil die beiden CEOs Peter Thiel und Elon Musk das „The Winner takes it all“-Prinzip vor Augen hatten und einen ruinösen Wettkampf mit dem jeweils anderen scheuten? Der Merger verlief zwar nicht ganz reibungslos: Irgendwann setzte Thiel, der zuerst Aufsichtsratsvorsitzender der gemeinsamen Company war, seinen CEO Musk vor die Tür, um selbst wieder auf dem CEO-Stuhl Platz zu nehmen (wodurch Musk wohl mehr Zeit gewann, um über Elektroautos und Weltraumraketen nachzudenken). Aber unter dem Strich stand eine deutlich gefestigte Marktposition für das nun fusionierte Geschäft.

Nur wie konnte sich Paypal gegen seine anderen Wettbewerber behaupten? Liest man den empfehlenswerten Insider-Bericht „The Paypal Wars“ des ehemaligen Paypal-Marketingmanagers Eric M. Jackson, so wird schnell deutlich, dass auch hier (ähnlich wie bei Amazon und anderen) die Bedeutung der Cash-Reserven (und deren mutiger Einsatz) eine extrem wichtige Rolle spielte. Das war schon bei X.com so: Der Bezahldienstleister von Musk konnte gegenüber Paypal aufholen, weil er es sich leisten konnte, statt der bei Paypal üblichen 10 US-Dollar einen Neukundenbonus von 20 US-Dollar zu zahlen. Da damals der größte Teil der Paypal-Umsätze über ebay lief, wurde nach der Fusion mit X.com Billpoint zum gefährlichsten Wettbewerber. Diesen Anbieter hatte ebay bereits vor der Gründung von Paypal gekauft, um darüber die Zahlungsvorgänge auf der eigenen Auktionsplattform abzuwickeln. Aber obwohl ebay Billpoint auf der Seite bevorzugte, wurden dort mehr Auktionen über Paypal bezahlt. Denn Paypal behielt seinen Neukundenbonus bei, war für die Händler günstiger als Billpoint, beglich in vielen Fällen die Kosten für Zahlungsausfälle und trat dabei auch nicht auf die Bremse, als Kriminelle in großem Maßstab mit manipulierten Zahlungen für Ausfälle sorgten. Zeitweise (bis eine funktionierende fraud-detection aufgebaut war) verbrannte Paypal Monat für Monat um die 10 Millionen US-Dollar, ohne von seinem Wachstumskurs abzuweichen. Wettbewerber wie C2it, ein Spin-Off des „Old Economy“-Players Citigroup, die von Anfang an positiv wirtschaften sollten, hatten da natürlich keine Chance.

Am Ende führte die Strategie dazu, dass es für ebay im Oktober 2002 lukrativer erschien, Paypal für 1,5 Milliarden US-Dollar zu kaufen und das eigene Angebot Billpoint einzustampfen. (Inzwischen hat ebay die Unternehmen wieder getrennt und Paypal 2015 als eigenständiges Unternehmen an die Börse zurückgebracht.)

Aufgrund der seitdem gefestigten Integration bei ebay konnte Paypal in der Folge auch in Deutschland im Fahrwasser der Auktion seinen Siegeszug antreten. Und aus der daraus resultierenden Verbreitung ergab sich dann die Pole-Position im sonstigen Online-Shopping. Anbieter wie Clickandbuy (2010 von der Telekom übernommen, 2016 eingestellt) oder Sofortüberweisung (seit 2014 Teil von Klarna) mussten sich die hinteren Plätze in den Payment-Rankings teilen.

Gerade haben die deutschen Banken ihre verglichen mit Paypal erfolglosen Lösungen Paydirekt, Girodirekt und Kwitt unter der neuen Marke Giropay gebündelt, um noch einmal eine Offensive zu starten. Der Ausgang ist fraglich. Beispiele aus anderen Branchen (wie Simply Local oder Verimi) zeigen, dass der Zusammenschluss mehrerer nationaler Player noch lange keine Erfolgsgarantie ist. Mich jedenfalls würde es wundern, wenn in unserer vernetzten Welt eine internationale Lösung großflächig durch ein nationales Produkt ersetzt wird, das schon in den Online-Shops aus dem jeweiligen Nachbarland nicht mehr funktioniert.

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