Wieso gibt es nur noch Lieferando?

So wie die Makler kein übermächtiges Immoscout und die Autohändler kein übermächtiges Mobile wollten, so wollten die Gastronomen nicht, dass ein einziger Lieferdienst im deutschen Markt die Preise diktiert. Geholfen hat es auch ihnen nichts: Seit 2019 ist Lieferando der große „Winner“ in dem zuvor hart umkämpften Markt.

Zeitsprung zurück in das Jahr 2008: Wer war damals die deutsche Nummer 1 für Essensbestellungen im Netz? Richtig: Pizza.de, einst ein „Nebenprodukt“ einer Braunschweiger Internetagentur. Aber dann begann die Goldgräberstimmung.

Zuerst drang Jitse Groen, der bereits seit dem Jahr 2000 (als damals 21-jähriger Student) in seiner niederländischen Heimat unter thuisbezorgd.nl (2010 umbenannt in Takeaway.com) einen Lieferservice betrieb, 2008 mit Lieferservice.de in den deutschen Markt ein.

2009 wurde in Berlin Lieferando (damals noch unter dem Namen YourDelivery und mit B2B-Fokus) von Christoph Gerber, Jörg Gerbig und Kai Hansen gegründet. Und im Jahr darauf schickte der unter anderem von Lukasz Gadowski geführte Company Builder Team Europe ebenfalls in Berlin seine Marke Lieferheld ins Rennen. Als Gründer wurden Nikita Fahrenholz, Claude Ritter, Mohammadi Akhabach und Markus Fuhrmann genannt, zum Go-Live kam der ehemalige Clickandbuy-Gründer Fabian Siegel als CEO dazu. Wiederum ein Jahr später entsteht bei Team Europe mit Blick auf die internationale Expansion die Dachgesellschaft Delivery Hero, unter der Lieferheld 2012 eingegliedert wird. Die Geschäfte von Delivery Hero führt von Beginn an Niklas Östberg (der 2008 in Schweden onlinepizza.se gegründet hatte).

Ein Capital-Artikel gibt einen guten Einblick, wie verbissen der Wettbewerb zwischen Lieferservice.de, Lieferando, Lieferheld und Pizza.de damals wohl ablief: So sollen die Lieferando-Gründer ursprünglich vor den Team Europe-Managern um eine Finanzierung gepitched haben. Die gaben Ihnen aber kein Geld, sondern gründeten stattdessen den Wettbewerber Lieferheld. Dessen Management wiederum kassierte in einer gerichtlichen Auseinandersetzung sogar einen Strafbefehl, weil man Daten von der Website von Pizza.de kopiert hatte. 2014 sah es dann aber nach einer Versöhnung aus. Lieferando und Lieferheld wollten fusionieren und vereinbarten einen Notartermin. Doch Lieferando habe den vereinbarten Termin angeblich mit nur wenigen Stunden Vorlauf abgesagt, um stattdessen für 50 Millionen an Jitse Groen und Lieferservice.de zu verkaufen.

Dafür geht dann wenig später Pizza.de für 240 Millionen an Delivery Hero / Lieferheld. Aus vier großen Wettbewerbern sind nun zwei geworden.

Zumindest für ein Jahr. Denn 2015 kommen die Fahrradkuriere in die Food-Branche. Zum einen expandieren Will Shu und Greg Orlowski, die das Fahrradkurier-Modell in Großbritannien ausgerollt hatten, mit Deliveroo nach Deutschland, zum anderen übernimmt Rocket Internet den in München gegründeten Kurierservice Volo GmbH, positioniert ihn fortan unter dem neuen Namen Foodora – und verkauft ihn wenig später an Delivery Hero.

Also eigentlich keine schlechte Ausgangslage für Delivery Hero. Und doch kommt es 2019 zur großen Überraschung: Das komplette Deutschlandgeschäft von Delivery Hero (also Lieferheld, Pizza.de und der deutsche Teil von Foodora) geht für 930 Millionen an Lieferando (den Namen benutzt Jitse Groen seit seiner Lieferando-Übernahme auch für sein ehemaliges Lieferservice.de-Geschäft). Die Begründung: In der „Winner takes it all“-Ökonomie ist es unrentabel, wenn sich zwei starke Player um einen Markt streiten. Oder wie es Niklas Östberg im FAS-Interview formuliert: „Nur der Marktführer hat auf Dauer eine Chance.“Deshalb wird er sich mit Delivery Hero künftig auf die Länder konzentrieren, in denen er genau diese Rolle einnimmt: Asien und Südamerika statt Mitteleuropa.

Somit hat es sich hierzulande erst einmal mit der Vielfalt bei den Essenslieferanten erledigt. Ob pizza.de oder lieferheld.de, lieferservice.de oder foodora.de: Alles wird inzwischen auf lieferando.de umgeleitet. (Nur unter deliveroo.de erscheint – seit sich die Briten wieder zurückgezogen haben – der Hinweis, dass man den deutschen Markt nicht mehr bediene.)

Sind nun also die Gastronomen die Leidtragenden, weil ein Monopolist die Preise diktieren kann? Das dürfte vielleicht gar nicht deren größte Sorge werden. Denn der neueste Trend der Branche könnten die so genannten „Ghost Kitchen“ sein. Damit sind Küchen gemeint, die keinen eigenen Restaurantbetrieb haben, sondern nur für Lieferdienste kochen. Denn warum die Kalkulation für eine Essenslieferung mit der teuren Kostenstruktur eines Restaurants belasten?

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