Die Hitparade der in Deutschland meistgenutzten Webseiten

Das Jahresende ist die Zeit der Rankings: Was sind eigentlich die am meisten genutzten Webseiten in Deutschland? Und wie findet man das heraus? Ein erster Reflex führt zur Webseite der IVW (Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern), aber dort wird schnell klar, dass man hier nicht besonders weit kommt, da nur ein geringer Teil des Webseitenangebots gegen Gebühr seine Reichweite zertifizieren lässt, u.a. fehlen fast alle wesentlichen Internetangebote der amerikanischen Player. (Hinzu kommt, dass man bei der IVW in vielen Fällen nicht sehen kann, welcher Teil der Reichweite eines Vermarktungsangebots auf ein einzelnes Portal entfällt.)

Also „Plan B“: Anbieter, die Stichproben erheben und daraus Schätzungen zur Gesamtreichweite aller größeren Webseiten ableiten. Die beiden wichtigsten Internet-Kartografen sind hier das israelische Unternehmen Similarweb und Alexa Internet, die seit 1999 zu Amazon gehören. Ihre Hauptdatenquellen stellen jeweils die Browserverläufe von zehntausenden Internetnutzern sowie stichprobenartige Erhebungen des Internet-Datenverkehrs dar. Solche Hochrechnungen sind zwar immer mit Unsicherheiten behaftet, aber für die von der GfK ermittelten Einschaltquoten der Fernsehsendern gilt das zum Beispiel ganz genauso.

Vergleicht man nun die Deutschland-Hitlisten von Similarweb und Alexa, sieht man zwar eine große Übereinstimmung, aber auch so manche auffallende Abweichung zwischen beiden Statistiken. Beispielsweise listet Alexa im Dezember 2019 die beiden russischen Netzwerke vk.com (in der rechten Szene sehr beliebt seit Facebook gegen Hatespeech vorgeht) und ok.ru (hierzulande vor allem von Russlanddeutschen genutzt) unter den zwanzig in Deutschland am meisten genutzten Webangeboten, während diese Angebote bei Similarweb schon vor Monaten weit nach hinten rutschten.

Welche der beiden Hitlisten ist näher an der Wahrheit? Jetzt helfen die IVW-Zahlen. Wer die IVW-geprüften Reichweitenzahlen für diejenigen Seiten heranzieht, die sich dort monitoren lassen, erhält ein Bild, welches klar für die Similarweb-Zahlen spricht. Ein besonders gravierendes Beispiel: Chip.de ist eine tolle Erfolgsgeschichte und das mit Abstand erfolgreichste deutsche Fachmagazin im Netz. Aber vom reichweitenstärksten Zeitungsangebot, Bild.de, wird Chip.de natürlich auf die Plätze verwiesen: Laut IVW hatten die Webseiten von Bild im November 2019 rund 408 Millionen Visits (von denen 91 Prozent auf das Inland beziehungsweise 97 Prozent auf die Domain bild.de entfielen), während es bei Chip rund 71 Millionen Visits waren (von denen 88 Prozent auf das Inland beziehungsweise 95 Prozent auf die Domain chip.de entfielen). Similarweb zeigt zwar nicht den (richtigen) sechsfachen Wert für Bild.de, aber immerhin den vierfachen. Bei Alexa jedoch hat Chip.de Anfang Dezember 2019 sogar mehr Visits als Bild.de. Unter dem Strich ergibt sich, dass Similarweb die absoluten Reichweiten tendenziell unterschätzt, aber (zumindest bei größeren Seiten und soweit es nachprüfbar ist) die Rangfolgen korrekt abbildet.

Deshalb nun zur Hitliste von Similarweb vom 1. November 2019 (also mit den Nutzungszahlen für den Oktober), die ich allerdings noch in zwei Punkten angepasst habe: Zum einen habe ich die Werte von Angeboten zusammengefasst, die mit verschiedenen Domainendungen unterwegs sind (wie google.de und google.com), zum anderen Angebote aussortiert, die bei der Mehrzahl ihrer Visits nicht gezielt angesteuert werden, sondern nur aufgrund der Einbindung in andere Angebote (Beispiel: Paypal).

Hier erst einmal die Top-Ten, der in Deutschland meistgenutzten Webseiten (Similarweb geht von den Visits aus, gewichtet diese aber mit der Intensität der Nutzung, wozu Page-Impression und Nutzungsdauer gemessen werden. Außerdem wird die Nutzung von Apps ausgeklammert, hierzu gibt es separate Statistiken.):

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Top10-Webseiten Deutschland, Quelle: Similarweb (Stand: 1. November 2019) / eigene Recherche

Wenig überraschend ist sicherlich, dass die großen Internet-Giganten die ersten vier Plätze belegen. Vergleicht man die deutsche Hitliste mit entsprechenden Rankings für die USA, so fällt auf, dass ebay und Wikipedia bei uns populärer sind als in ihrem Ursprungsland (wo es stattdessen Yahoo und Twitter in die Top10 schaffen). Und während in Deutschland xhamster das beliebteste Porn-Angebot ist, bevorzugen die Amerikaner Pornhub. Die beiden einzigen Angebote deutschen Ursprungs sind zwei „Netz-Oldies“: Web.de und T-Online hätte wohl nicht jeder so weit vorne erwartet. Aber die Präsenz von Web.de zeigt eben auch, dass das Netz nicht nur von jungen Millenials genutzt wird, sondern von allen Altersschichten. Dagegen dürfte die Position von T-Online nicht nur auf deren Webmail-Angebot zurückzuführen sein, sondern auch auf die gute Arbeit der Ströer-Leute, die das T-Portal seitdem sie es von der Telekom gekauft haben unter anderem auf den eigenen Außenwerbeflächen pushen.

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Rank11-20-Webseiten Deutschland, Quelle: Similarweb (Stand: 1. November 2019) / eigene Recherche

Aber auch die folgenden zehn Plätze sind nicht minder interessant: Mit Bild und Spiegel tauchen die ersten Internetableger von Zeitungen beziehungsweise Zeitschriften auf, mit Pornhub, XNXX und xvideos gleich drei weitere Porn-Angebote. Und sicher hätte nicht jeder Otto eine so gute Platzierung weit vor Zalando (laut Similarweb weniger als die Hälfte der Otto-Reichweite und Platz 30) zugetraut. (Gibt es da eine Parallele zu Facebook und Instagram?)

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Top10-Webseiten USA, Quelle: Similarweb (Stand: 1. November 2019)

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