Lange Zeit habe auch ich geglaubt, dass KI vor allem zu Umschichtungen auf dem Arbeitsmarkt führt, dass Pflege und Bildung an Bedeutung gewinnen, während Büro- und Produktionsjobs eher verschwinden. Inzwischen bin ich da nicht mehr so sicher.
Ende der 90er-Jahre war ich bei einem Zeitungsverlag für die Digitalangebote zuständig. Gefühlt gab es damals bei jeder Rede auf jedem Branchentreffen eine Konstante: Erstens: Das Internet ist total wichtig. Zweitens: Die gedruckte Zeitung wird es immer geben. (Weil die gedruckte Zeitung ja auch nicht von Radio und TV verdrängt worden war.)
Etwa zehn Jahre später: Zwischenzeitlich bestand das Internet nicht mehr nur aus geschriebenen Texten: Bewegtbild und Youtube hatten die Bühne betreten. Und ich arbeitete bei einem Medienunternehmen, das auch Fernsehsender im Portfolio hatte. Was dazu führte, dass ich gemeinsam mit den TV-Kollegen Branchenevents wie die „TV komm.“ besuchte. Auch dort schien es in den Vorträgen eine Konstante zu geben. Erstens: Das Internet ist total wichtig. Zweitens: Das lineare Fernsehen wird es immer geben.
Und heute – während niemand mehr an die Zukunft der gedruckten Zeitung glaubt und lineares TV zur Nische wird – habe ich wieder so ein Deja-vu, wenn in vielen Reden betont wird, dass es immer die menschliche Arbeit geben werde.
Angesichts der rasanten Fortschritte, die ich bei der KI-Nutzung bemerke, kann ich mir mittlerweile keinen Job mehr vorstellen, den die KI nicht irgendwann machen könnte. Das gilt sogar für Gesundheit und Pflege: Da gibt es zwar Fälle, in denen Menschen einen ganz tollen Job machen, aber auch solche, bei denen ich heute schon lieber einen Roboter gehabt hätte. Und im Zweifelsfall dürften in der Zukunft so manche Personen lieber mit einer KI sprechen als vier Monate auf einen Facharzttermin zu warten. Die Frage wäre demnach weniger, welche Aufgaben die KI übernimmt, sondern wie viele Jahrzehnte es beim jeweiligen Job dauern kann.
Ein interessantes Bild zeichnet hier das Buch „KI 2041„, das zwei ehemalige Mitarbeiter von Google China, der KI-Forscher Kai-Fu Lee und der Science-Fiction-Autor Qiufan Chen gemeinsam geschrieben haben. Das Buch befasst sich in zehn Kapiteln mit zehn zentralen Aspekten von KI, jeweils mit einer Analyse zum Stand der Forschung und einer fiktiven Geschichte, die auf den Prognosen des Forschers beruht.
In der Story zum Thema Arbeitsmarkt geht es um ein schnell wachsendes Unternehmen, das Arbeitskräfte, die durch KI arbeitslos geworden sind, in neue Jobs vermittelt. Zwei Szenen bleiben besonders in Erinnerung: In einer Rückblende geht es um eine Klientin, die Jahre vorher vermittelt wurde. Sie hatte ihren Job als Lagerverwalterin verloren und bekam einen neuen als Animateurin in einem Freizeitpark. Fünf Jahre später ist sie wieder da. Nun wurden auch die Tätigkeiten im Park von Robotern übernommen. In welchen Job soll sie nun vermittelt werden und wie lange wird sie dort bleiben können?
Die zweite Szene spielt am Ende der Geschichte: Die Protagonistin, eine der Arbeitsvermittlerinnen, hat einen Call mit einer anderen Klientin, welche ihr allerdings etwas seltsam vorkommt. Was sie dabei nicht bemerkt: Die Anruferin ist ein Bot, der durch das Gespräch trainiert wird, um ihren Job als Vermittlerin zu übernehmen.
(Bild: kreiert von Gemini)